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Forschungsprogramm zur Theorie und Empirie der Sprachdynamik und Sprachkognition

Das Forschungsprogramm

Das Programm zur Erforschung von Sprachdynamik und Sprachkognition stellt den zentralen Forschungsschwerpunkt der Marburger Linguistik dar. Entstanden ist dieser Schwerpunkt durch die im Jahr 2000 begonnene Zusammenarbeit der Marburger theoretischen Linguistik mit der Sprachvariations- und Sprachwandelforschung des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas. In dem Forschungsschwerpunkt werden die bisher sehr erfolgreichen einzeldisziplinären Forschungsansätze, Fragestellungen und Methoden so zusammengeführt, dass für die Linguistik insgesamt ein nachhaltiger Erkenntnisfortschritt möglich wird. Das Programm wird mit Leben erfüllt durch zahlreiche Forschungsprojekte der Marburger Linguisten sowie das die Fachdisziplinen übergreifende Verbundprojekt Fundierung linguistischer Basiskategorien, das als LOEWE-Schwerpunkt vom Land Hessen (von 2012 bis 2015) gefördert wurde. Auf der Grundlage dieses gemeinsamen Forschungsprogramms der Marburger Linguisten wurde dem Land Hessen 2010 vom Wissenschaftsrat ein Forschungsbau genehmigt, der den beteiligten Arbeitsgruppen ein vernetztes Arbeiten bei ihren Projekten ermöglicht und dafür eine einzigartige Infrastruktur bietet.


Die Ziele

Das umfassende Forschungsprogramm setzt an einem Urrätsel der Sprache an: Die Sprache ist das wichtigste menschliche Organ der Kommunikation und stellt eine zentrale kognitive Fähigkeit des Menschen dar. Sie unterliegt einerseits beschränkenden Bedingungen, die für die große Stabilität des Sprachsystems verantwortlich sind. Andererseits gibt es Sprachvariation auf allen Ebenen und ständigen Wandel in allen Sprachen. Trotz beeindruckender Erkenntnisfortschritte in der Sprachwissenschaft ist in diesem Kernbereich Vieles noch weitgehend unklar. Die Klärung dieses Verhältnisses liefert aber den Schlüssel für die Lösung von Grundfragen der Sprachwissenschaft, insbesondere der Frage nach dem Verhältnis von Konstanz, Wandel und Variation.
Klare Antworten auf diese Fragen waren lange Zeit auch deswegen versperrt, weil in den Sprachwissenschaften trotz aller theoretischen und empirischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte nur unzureichende Erkenntnisse zu fundamentalen Kategorien vorliegen. Das ist auch auf die seit Jahrzehnten grundlegenden Differenzen in den wissenschaftstheoretischen Paradigmen der verschiedenen Schulen in der theoretischen Linguistik zurückzuführen. Die bestehende Theorienvielfalt erschwert es, die Forschungsergebnisse, die auf der Basis von sehr unterschiedlichen Vorannahmen gewonnen wurden, aufeinander zu beziehen. Inhalt und theoretische Einbettung von zentralen linguistischen Kategorien wie diversen Phonem-Begriffen, Morphem-Begriffen, Satz-Begriffen und Subjekt-Begriffen werden jeweils ganz unterschiedlich verstanden und erschweren den Zugriff auf die eigentlichen linguistischen Gegenstände.
Daher hat sich die Marburger Linguistik zum Ziel gesetzt, im Fundamentalbereich der linguistischen Kompetenz den Durchbruch zu einer exakten Wissenschaft mit empirisch valide fundierten Basiskategorien, falsifizierbaren Theoremen und technischen sowie klinischen Anwendungen zu erreichen.


Die Methoden

Der Zusammenschluss verschiedener Fachdisziplinen in Marburg macht dieses Ziel erreichbar, da in den letzten Jahren auch unter Marburger Beteiligung neue Methoden entwickelt wurden, die als neuartige „Erkenntnisfenster“ den Zugriff auf sehr unterschiedliche Ausschnitte der komplexen menschlichen Sprachverarbeitung und deren Wirkung erlauben. Als besonders ergiebig und valide hat es sich erwiesen, bei der Erforschung der Basiskategorien mehrere unabhängige Methoden auf den gleichen Phänomenbereich anzuwenden. Dazu gehören:

  1. Elektrophysiologische Untersuchungen: Sie ermöglichen es, die Sprachverarbeitung in ihrem zeitlichen Verlauf zu beobachten und dabei sprachübergreifende Unterschiede und Generalisierungen sichtbar zu machen.
  2. Perzeptionslinguistische Experimente: Die sprachlichen Reflexe möglicher Basiskategorien (d. h. lautsprachliche Korrelate) lassen sich synthetisch herstellen, in natürliche Sprache implementieren und perzeptionslinguistisch auf ihre Relevanz testen.
  3. Sprachdynamische Analysen: Im „sprachdynamischen Testlabor“ lässt sich die Wirkung kategorieller linguistischer Differenzen über einen Zeitraum von 130 Jahren exakt in Raum und Zeit verfolgen.
  4. Klinische Studien: Im neu eingerichteten sprachtherapeutischen Zentrum für Klinische Linguistik ( KLing ) wurden die Möglichkeiten geschaffen, Proband/innen (Kinder und Erwachsene) mit Sprachstörungen zu untersuchen.


Die Forschungsprojekte

Die Voraussetzungen zu diesem komplexen Ansatz sind durch eine Reihe von bisherigen Marburger Forschungsprojekten in breitem Umfang geschaffen worden. Diese Projekte lassen sich mehreren Bereichen zuordnen:


1. Sprachdynamische Regionalsprachenforschung (Proff. Schmidt, Girnth, Herrgen, Kehrein, Lameli, Fleischer):

Am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas wird seit 2001 ein hinsichtlich des Sprachdatenvolumens und der Datenqualität weltweit einmaliges „Testlabor für die Sprach(wandel)theorie“ aufgebaut. Darin werden alle greifbaren, relevanten Sprachdaten für die natürliche Entwicklung einer großen Kultursprache mit dem Schwerpunkt auf regional geprägtes Sprechen über einen Zeitraum von 130 Jahren erschlossen. Diese werden im Rahmen des Akademieprojekts „Regionalsprache.de (REDE)“ (2008-2027) der internationalen Forschung in einem internetbasierten sprachgeographischen Informationssystem (REDE SprachGIS) zur Verfügung gestellt. Dass das Deutsche hiermit zur sprach(wandel)theoretischen „Referenzsprache“ werden kann, hat vor allem forschungshistorische Gründe: Nur für das Deutsche liegen für eine bestimmte Varietät, den Basisdialekt, von inzwischen sechs Generationen von Wissenschaftler/innen erhobene Sprachdaten vor, die es erlauben, die Entwicklung dieser Varietät in Raum und Zeit exakt zu verfolgen. Eine der wichtigsten Datenbestände stellt der Marburger „Sprachatlas des Deutschen Reichs“ (1880ff.) von Georg Wenker dar, der im Rahmen des DFG-Großprojekts „Digitaler Wenker-Atlas (DiWA)“ (2001-2009) digitalisiert wurde und vollständig in das SprachGIS des REDE-Projektes überführt wurde. Der außerordentlich große Datenumfang eröffnet der sprachdynamischen Regionalsprachenforschung umfangreiche Erkenntnismöglichkeiten und verändert die Sicht auf ungelöste theoretische Probleme: So stellen z. B. die klassischen Theoreme des phonologischen Wandels keine Alternativen dar, sondern gelten jeweils für exakt bestimmbare phonologische und morphologische Konstellationen. Ähnliches gilt für das Verhältnis externer und interner Faktoren. Die Einführung von modernen neurolinguistischen Methoden zur Erforschung der regionalsprachlichen Sprecherkompetenzen – die weltweit ein absolutes Novum darstellt – kann den Ablauf von Sprachwandelprozessen in der Kognition der Sprecher belegen und erstmals neurolinguistische Evidenzen für Prozesse liefern, die seit über 130 Jahren im Interesse der dialektologischen Forschung stehen. Auch die aktuellen Entwicklungstendenzen im Spannungsfeld zwischen Dialekt und Standardsprache werden in den Projekten des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas durch Neuerhebungen dokumentiert und die Struktur und Dynamik der deutschen Regionalsprachen vollständig analysiert.

Projekte:


2. Langzeitdiachronie und Typologie (Proff. Fleischer, Cysouw)

Im langfristigen Forschungsprogramm ist die theoretische und empirische Reichweite der Erkenntnismöglichkeiten zu bestimmen, die das „Testlabor“ birgt. Nach dem jetzigen Erkenntnisstand der Sprachwandeltheorie ist es sehr wahrscheinlich, dass die etablierten Faktoren und Prinzipien über den Grundbestand an Daten hinaus verallgemeinerbar sind. Deswegen ist es erforderlich, genau zu bestimmen, inwieweit die Generalisierbarkeit der an der Kurzzeitdiachronie einer Einzelsprache gewonnenen Ergebnisse zeitlichen und typologischen Beschränkungen unterliegt.
Daher untersucht die Arbeitsgruppe zur Langzeitdiachronie des Deutschen seit althochdeutscher Zeit, inwieweit sich die für die Sprachsituation ab dem späten 19. Jahrhundert als relevant erweisenden Prinzipien und Faktoren auch auf die ältere Sprachgeschichte des Deutschen übertragen lassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Sprachsituation seit Beginn der neuhochdeutschen Sprachstufe durch Etablierung der neuhochdeutschen Schriftsprache und ihrer regional sehr unterschiedlichen mündlichen Realisierung sowie verschiedene Normierungsprozesse grundlegend verändert hat. Zwar stehen naturgemäß für ältere Sprachstufen weniger und schlechter kontrollierbare Daten zur Verfügung, doch wird dieser Mangel durch die lange und reiche Überlieferung des Deutschen teilweise ausgeglichen, da sie es ermöglicht, diachrone Entwicklungen nachzuvollziehen.
Die Sprachtypologie setzt die Erkenntnisse über die historischen Sprachstufen und Dialekte des Deutschen in Beziehung zu übereinzelsprachlichen Erkenntnissen über linguistische Eigenschaften und Entwicklungstendenzen. Der quantitative Ansatz der Marburger Typologie kann durch die Analyse großer Datenmengen z.B. im Projekt zum „Sprachvergleich anhand von Paralleltexten“ und „Quantitative Historical Linguistics“ durch hochentwickelte und international richtungsweisende Methoden belastbare Erkenntnisse gewinnen.

Projekte:


3. Sprachkognition – Neuro-, Psycho- und klinische Linguistik (Proff. Kauschke, Domahs, Wiese)

Die Ansätze und Methoden aus der Neuro- und Psycholinguistik sowie der klinischen Linguistik werden dazu eingesetzt, linguistische Basiskategorien und Theoreme kognitions- und neurowissenschaftlich zu fundieren und aufeinander zu beziehen. Eine Untersuchungsperspektive betriff dabei die Frage, wie ein immer gleich strukturiertes Gehirn das Verständnis der sehr verschiedenen menschlichen Sprachen gewährleisten kann bzw. welche sprachübergreifenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hierbei beobachtet werden können. Die Beantwortung dieser Frage verspricht neue Einblicke in die Natur der Sprache und in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns: Da sprachübergreifend zutreffende Charakteristika der menschlichen Sprache vermutlich eng mit der Organisation des menschlichen Gehirns zusammenhängen, kann die Identifikation von „Universalien“ in der Neurokognition der Sprache die Hypothesenbildung über den Zusammenhang zwischen Sprache und Gehirn entscheidend vorantreiben.
Sprachübergreifende Unterschiede wurden beispielsweise in einer Reihe von psycholinguistischen EEG-Experimenten aufgedeckt, in denen die Online-Verarbeitung von Wortakzent und rhythmischen Strukturen auf sprachvergleichender Basis (Arbeiten zu den Sprachen Deutsch, Englisch, Polnisch, Türkisch, Ägyptisch-Arabisch) untersucht wurde. Dabei zeigte sich, dass selbst eng verwandte Sprachen wie Deutsch und Englisch in bestimmten Bereichen auf fundamental unterschiedliche neuronale Verstehensmechanismen zurückgreifen. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Wortbetonung und Satzmelodie einen wesentlichen Einfluss auf das Verstehen von Sprache haben und jeweils charakteristische neurophysiologische Signaturen hervorrufen.
Die Spracherwerbsforschung als Teil der Psycholinguistik widmet sich der Untersuchung individueller Sprachentwicklungsverläufe über die Lebensspanne. Indem Veränderungen sprachlicher Fähigkeiten in Abhängigkeit vom Lebensalter untersucht werden, ergänzt die Betrachtung der Sprachentwicklung in der Ontogenese die Perspektive der Lang- und Kurzzeitdiachronie. Mit einer Vielfalt von behavioralen und experimentellen Methoden (z.B. Produktionsdaten, Verstehensexperimenten, Lernexperimenten, Reaktionszeitstudien, EEG-Studien) wird untersucht, welche Erwerbsmuster und Erwerbssequenzen bei mono- oder bilingualen Kindern im Laufe des Spracherwerbs zu beobachten sind, welche systematischen Zwischenstufen durchlaufen werden und inwieweit interindividuelle Variationen bestehen. Das Forschungsinteresse richtet sich unter dem Aspekt der Lernbarkeit insbesondere darauf, welche potentiellen Basiskategorien der Sprache früh erworben werden und welche einer längeren Lernphase bedürfen bzw. störanfällig sind. Im Rahmen des LOEWE-Schwerpunktes wurde dies insbesondere für die Kategorien prosodisches Wort und prosodischer Fuß untersucht.
Die Frage nach der Störbarkeit sprachlicher Kategorien und Fähigkeiten führt zu einem weiteren Erkenntnisfenster, der klinischen Linguistik. Muster gestörter Sprache bei Kindern und Erwachsenen, ihre zugrunde liegenden neuronalen Mechanismen sowie ihre therapeutische Modifizierbarkeit können zum Einen Modelle typischer Sprachverarbeitung spezifizieren, da sich aus den z. T. selektiven Profilen bei Menschen mit Sprachpathologien unterschiedlicher Genese Erkenntnisse zur kognitiven Verankerung und zum Zusammenspiel sprachlicher Fähigkeiten ableiten lassen. Darüber hinaus können die Erkenntnisse für die Entwicklung von Diagnostik- und Therapieverfahren nutzbar gemacht werden. Im sprachtherapeutischen Zentrum KLing findet eine solche Verzahnung zwischen Forschung und klinischer Praxis statt.

Projekte:


4. Sprachtheorie (Prof. Wiese)

Neben der mehr als ein Jahrhundert zurückreichenden Tradition der sprachgeographischen und historischen Linguistik hat sich Marburg in den letzten 15 Jahren zu einem Zentrum der theoretischen Linguistik mit dem Schwerpunkt Phonologie und Morphologie entwickelt. Vor allem das DFG-Programm „Sprachlautliche Kompetenz: Zwischen Grammatik, Signalverarbeitung und neuronaler Aktivität“ (2006-2012) fand breite nationale und internationale Anerkennung. Bisherige Schwerpunkte der Arbeitsgruppe sind einerseits die theoretische Modellierung und empirische Fundierung von linguistischen Basiskategorien wie Phonem, Ton, Fuß, Silbe und phonologisches Wort sowie des Zusammenhangs zwischen Phonologie, Morphologie und Prosodie einerseits und Lexikon andererseits. Im Rahmen des Projektes „Word stress: Rules and representations“ wurde in zahlreichen EEG-Studien die Rolle des Wortakzents und seiner prosodischen Kategorien in der Online-Verarbeitung von Wörtern nachgewiesen.

Projekte:


Zuletzt aktualisiert: 09.12.2015 · fischerr

 
 
Fb. 09 - Germanistik und Kunstwissenschaften

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